Wir hatten die Möglichkeit, mit Florian Sandfuchs, einem UX-Designer (User Experience Designer), er bei MHP in Berlin arbeitet, ein Interview zu führen. Wir haben ihm einige Fragen zu seinem Berufsalltag und seiner Ausbildung gestellt, um eine bessere Sicht auf die Berufswelt eines UX-Designers zu bekommen.

Der Arbeitstag von Florian Sandfuchs besteht zum größten Teil daraus, mit seinem User (Kunden) zu arbeiten. Als UX-Designer ist er beim ganzen Prozess dabei: von der Userresearch über die ersten low fidelity prototypes und Tests; bis hin zu den high fidelity prototypes und Tests und schließlich zum finalen Endprodukt. Low fidelity prototypes sind einfache technische Konzepte, die meist nur genutzt werden, um erste Gedanken festzuhalten und um sie dem Kunden zu zeigen, der daraufhin ein erstes Feedback gibt. Wenn alles gut verlief, folgen high fidelity protoytypes und Tests. High fidelity prototypes sind hoch funktional und interaktiv. Sie sind sehr nah am Endprodukt und bereits mit den meisten notwendigen Design-Assets und Komponenten entwickelt. Diese werden auch getestet und mit Hilfe des Feedbacks des Kunden angepasst. Nach finalen Verbesserungen entsteht dann das Endprodukt.
Braucht man einen bestimmten Charakter für diese Arbeit?
Ich glaube, es gibt in meinem Bereich alle möglichen Menschen. Als Designer ist das ziemlich egal. Es gibt Introverts, die lieber die Screens bauen, aber auch Extroverts, die gerne auf Kunden zugehen – generell kann jeder seinen Weg finden.
Haben „Cookies“ einen Einfluss auf die User Experience?
Ja, gerade im Web Design sind Cookies eine schwierige Sache. Nach EU-Recht hätten wir erstmals den Fall, dass, bevor wir eine Seite betreten könnten, wir die Seite noch gar nicht sehen könnten. Zuerst müssten wir die Cookies akzeptieren, um auf die Sites und die Inhalte zugreifen zu können. Das ist natürlich schwierig. Sehr viele Webseiten, gerade in der EU, handeln das so, dass sie das kleine PopUp haben, das wir alle kennen: „Wollen Sie die Cookies akzeptieren oder nicht?“ Viele Seiten, die deine Daten am Ende auch verkaufen, um damit Geld zu machen, ist das vollkommen egal. Die machen dann ein großes PopUp in der Mitte, wo du dann überhaupt gar nicht mehr wählen kannst, sondern nur noch in den Untermenüs etwas finden kannst. Das ist dann schlecht – und wird als das böse Design bezeichnet, wo man dann halt auch wirklich direkt sagt: Die Cookies werden verwendet, um böse Sachen zu machen, um die Daten zu verkaufen und um deine User Experience zu beeinflussen. Nehmt nur mal das Beispiel eines eigenen Webshops. Wir haben darauf aber auch Werbung laufen. Für wen lassen wir dort Werbung laufen? Das sind alles Sachen, die dann in Richtung Marketing gehen und auch wieder mit den Cookies zu tun haben.
Wie lange dauert der Prozess von Planung, Programmieren und Design?
Das ist schwer zu sagen. Der Idealprozess hat einige Schleifen. Das heißt, nachdem wir ein Projekt schon weit entwickelt und designt haben, möchten wir jedoch noch mehr Nutzer dazugewinnen, die wir jetzt interviewen können. Mit denen reden wir jetzt und lernen von ihnen. Das sind alles Prozesse, die dann natürlich ein bis zwei Wochen draufsetzten, während derer man dann neue Features entwickelt oder Sachen umdesignt. Deshalb denke ich, dass die kürzesten Projekte bis hin zu einem Produkt 3-6 Monate dauern. Meiner Meinung nach hört die Entwicklung nie auf, man entwickelt und testet immer wieder neue Features, um diese den Kunden dann anzubieten
Was sind ihre beliebtesten UX Designs? Warum?
Ich würde sagen, die beste Userexperience für ein Ökosystem macht derzeit Apple. Egal was du dir ankuckst, egal wie du mit den Sachen umgehst, sie sind einfach zu verstehen: Du hast Patterns, die immer wieder benutzt werden und die du auch für andere Geräte umsetzten kannst. Du hast sehr viele Futures, die einfach sind, die so funktionieren, wie man es sich intuitiv vorstellt. Das ist für mich eine gute Userexperience. Das heißt meine Erwartungen werden schon zu dem Zeitpunkt erfüllt, ehe ich das Produkt überhaupt angefasst habe und sobald ich es dann benutze, merke ich, es funktioniert genauso, wie ich es mir gedacht habe und es ist super. Dahingegen gibt es aber auch gelernte Patterns, das heißt sowas wie Tinder. Tinder hat ein Pattern gefunden, das swipe right und swipe left, was super einfach war. Du bekommst immer wieder neuen Content, der Spaß macht, den du gerne siehst und den du innerhalb von Sekunden, wenn du etwas nicht magst, einfach swipen kannst. Dann siehst du den nächsten. Das ist ein super einfaches und effektives Pattern, das einen direkt dazu bringt, weitermachen zu wollen, weiter zu swipen und den nächsten zu sehen. Daraus hat sich dann zum Beispiel auch TikTok entwickelt und es sind einfach Pattern, die dir schnellen Content liefern, die derzeit die beste Userexperience ausmachen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in diesem Bereich zu arbeiten?
Das ist eine etwas längere Geschichte: Das Ganze hat eigentlich angefangen während meines Bachelors, als ich nach Korea gehen wollte. Zwei Wochen, bevor ich nach Korea fliegen wollte, wurde meine Reise abgesagt, weil meiner Uni politischer Druck gemacht wurde, keine ausländischen Studenten mehr anzunehmen. Und das war an dem Punkt, als schon alles geklärt war. Das heißt: Flüge, Unterkunft, alles schon bezahlt. Und innerhalb von zwei Wochen habe ich dann etwas Neues gesucht für ein ganzes Jahr, für das ich bereits von der Uni freigestellt war. Und da habe ich dann glücklicherweise ein Praktikum gefunden und ein halbes Jahr lang als Projektmanager für ein Software-Development-Team gearbeitet. Ich konnte mir ansehen, wie sie das Ganze machen und habe dann mitgekriegt, wie die Ux-Designer dabei arbeiten und vorgehen. Da ich eher aus der Designrichtung komme, habe ich dann zuerst die Kommunikation übernommen und bin danach dann halt auch darin abgedriftet, mit den Ux-Designer zu arbeiten. Ich habe dann das zweite Halbjahr im Ux-Design-Team gearbeitet. Und danach habe ich daraus meine Bachelorarbeit gemacht, bin für meine Master nach Berlin gezogen und habe dann im Master auch weiter als Ux-Designer gearbeitet. Also habe ich sehr spontan das gefunden, was ich wirklich machen will.

Woran inspirieren Sie sich, wenn Sie Ihre Designs entwickeln?
Inspiration ist so eine Sache. Bei mir auf der Arbeit haben wir natürlich sehr viele CorporateKunden. Das heißt, es gibt bestimmte Felder, in denen wir agieren können, in denen wir unsere Informationen und unser Wissen mit einbringen können. Und dann gibt es andere Felder, wo wir halt sehr bedacht darauf sind, Styles einzuhalten. Das heißt, wenn wir jetzt an Firmen wie Apple denken, könnte man nicht einfach frei eine App bauen, die dann mit zum Apple- Ökosystem gehört. Es gibt sehr viele Sachen, die als Guidelines dienen, an denen man sich heranarbeiten kann oder man kann ein neues Produkt entwickeln, was wir bei uns auch sehr oft machen. Wenn es um wirkliche Inspiration für Neuerungen geht, ist es von Vorteil, selber viel erlebt zu haben. Selbst schauen, was einem gefällt oder vielleicht auch mal den Punkt finden, wo man sich sagt: „Wie frustrierend. Jedes Mal, wenn ich diese App öffne, merke ich, das funktioniert nicht so, wie ich das will. Aus Frust entwickeln sich also oft Ideen.
Ist es manchmal schwierig auf neue Ideen zu kommen?
Ja, ich glaube, das geht jedem so. Man hat immer mal wieder diesen einen Punkt, an dem man nicht mehr weiterweiß, wo man sich die Screens zu lange angesehen hat und dann doch noch überlegt, wie wir jetzt hier noch eine Suche oder einen Filter mitreinbringen können. Der Screen ist aber schon viel zu voll, und dann ist es einfach wichtig, mit anderen Leuten darüber zu reden. Sobald mehrere Augenpaare darauf gerichtet sind, kann man auch einfacher Ideen entwickeln.
Gibt es Aufstiegsmöglichkeiten?
Das Ganze hängt davon ab, was man genau machen will. Bei mir sieht es derzeit so aus: Ich begleite ja so ziemlich den gesamten UX-Prozess vom Anfang bis zum Ende mit. Meine Aufstiegsmöglichkeiten wären dann entweder in die Richtung, dass ich mein eigenes Team aufbaue oder ich orientiere mich in die Richtung Management. Ich könnte auch neue Kunden akquirieren und dann halt gucken, dass wir Projekte an Land ziehen und diese dann an einige Teams übergeben, die dann den ganzen UX-Part übernehmen. Es gibt viele, zum Teil ungeschriebene, Regeln, in die sich das ganze bewegen könnte. Und natürlich hängt es immer von der einzelnen Person und ihren Zielen ab.
Arbeiten Sie im Homeoffice? Falls ja, inwiefern verändert dies ihren Arbeitsalltag?
Ich sitze jetzt seit ungefähr einem Jahr in meinem Büro zuhause und ich glaube, das letzte Mal, als ich meine Arbeitskollegen gesehen habe, war ganz am Anfang der Corona-Zeit, als wir was essen waren. Unser Arbeitsalltag hat sich unglaublich verändert, die Tools, die wir nutzen, haben sich unglaublich verändert und auch, wie wir mit Userresearch umgehen hat sich verändert. Früher sind wir zu unseren Kunden hingefahren und haben uns zum Beispiel mit dem Endnutzer hingesetzt, haben ihm das iPad in die Hand gedrückt und gesagt „Hier haben wir einen Prototyp für dich erstellt. Klick den mal durch.“ Wir haben da zu zweit gesessen, einer hat protokolliert und der andere hat das Interview geführt. Und das sind alles Sachen, die wir zurzeit nicht mehr machen können. Jetzt machen wir Teams Calls mit unseren Kunden, müssen natürlich Onlineprototypen bereitstellen, die dann nicht so weit sind, wie wir sie gerne hätten. Wir haben auch ganz spezialisierte Anwendungsfälle. Tablets und Geräte, die nur an einem speziellen Punkt eingesetzt werden, die wirklich nur dafür gebaut werden, um dort in den Einsatz zu kommen. Wenn man das Ganze dann nicht auf dem richtigen Gerät testen kann, dann kann man auch nicht feststellen, ob die User am Ende damit umgehen können. Das sind alles Sachen, die den Arbeitsalltag auf jeden Fall schwieriger machen. Was aber großartig ist, ist Figma. Figma ist das Designtool unserer Wahl, gerade weil wir kollaborativ daran arbeiten können. Es gibt keine Ladezeiten, es ist einfach, sich zusammen in einer Datei zu treffen und zusammenzuarbeiten. Man kann allein daran arbeiten, man kann einen Facetime-Call starten und man kann super einfach über Screens drüber schauen, sich die ganze Userstory ansehen und neue Sachen dazufügen – und das alles gemeinsam. Das kollaborative Arbeiten ist unglaublich viel besser geworden seit Corona.


